Selbsthilfegruppe

Schwule Väter und Ehemänner

Coming-out mit 40
 

Es gibt viele Erfahrungsberichte von schwulen Vätern. Man erkennt Gemeinsamkeiten und doch unterscheiden sie sich in so manchen Dingen. Auch meine Geschichte spiegelt die so oft von verheirateten und schwulen Vätern erlebten Ereignisse wieder.
Als drittes Kind in einer Kleinstadt geboren, meine Eltern kann man wohl als sehr strenggläubig und Konservativ bezeichnen, erlebt ich mit meinen Geschwistern einen recht allgmeinen Altag mit vielen Regeln und Geboten. Alles schien doch so regelmäßig zu laufen so wie bei doch jeden anderen auch. Aber es schien auch nur, und igendwie bemerkt ich doch, das da etwas anders war.

 
Mädchen schön und gut und was man in der Clique so erzählte. Man brüstete sich mit allen Möglichen und schien sich in Erfahrungen immer weit zu übertreffen. Nun Erfahrungen hatte ich nicht und ehrlich schaute ich mir alles andere an nur nicht Mädchen. Ne, die Jungs gefielen mir doch einfach besser. Ich malte mir alles aus, lebte sozusagen in meiner Welt. Später kam es immer mehr ins Bewußtsein und ich würde sagen mit 17 oder 18 war mir eigentlich recht klar, das ich mit Frauen nicht besonders viel anfangen konnte. Ich sagte mir, du bist homosexuell, eindeutig, kann nicht anders, ist so, bestimmt. Mit 19,20 konnte ich schließlich selber zu mir sagen. Du bist schwul. Ich hatte mich selber gefunden, konnte mich einordnen und das brachte mich ein Stück nach vorne.
Mein Familie sollte es wissen, ja ich wollte Ihnen es sagen, ich war mir ganz sicher.


Wie würden sie reagieren ? Ich blieb der Sohn und auch der Bruder, überhaupt kein Thema. Aber auch schwul sein war kein Thema. Nur so eine Phase, du bist durcheinander, das legt sich. Wenige Tage später, nein schon am nächsten Tag fand ich in meinem Bücherregal ein kirchliches Aufklärungsbuch, ganz einfach so, ohne Kommentar. Ich hab mich "intensiv" damit beschäftigt. Denke mal so fünf Sekunden, erste und letzte Seite, Mülltonne. So ging es es weiter Tag für Tag.


Meine Eltern fragten den Hausarzt, einen katholischen Seelsorger, einen Phsychologen, jedemenge Ratschläge also, aber so wie ich heute wohl weiß, für mich die falschen. Keiner durfte es wissen, strengste Geheimhaltung, nach dem Motto geht niemand was an. Wenn das die Nachbarn erst einmal wissen oder die Verwandschaft. Liebe zwischen Männer, unmöglich gibt es nicht, hält sowieso nicht lange, kennt doch jeder. ... Hier und mit uns nicht.
Ich war einfach nur noch fertig, fix und alle. Selbstmordversuch. Therapie.
Ich wollte nicht mehr schwul sein.


Verzweifelt (so würde ich es heute sagen ) stürzte ich mich in die erste Ehe. Für meine Familie ein Rettungsring, für mich "Selbsttherapie". Ich hatte damals den Eindruck, das Wort schwul wurde immer verschwommener. Meine Frau wußte nichts von meinen eigentlichen Gefühlen und ich versuchte mich mit allen möglichen abzulenken, was mir auch oberflächlich ganz gut gelang.
Die Ehe zerbrach nach zwei Jahren und wir trennten uns als gute Freunde. Wir hatten einfach festgestellt das die Liebe auf beiden Seiten nicht so groß war, wie wir das am Anfang gedacht hatten. Sie hat die Wahrheit über mich nie erfahren.


Ich wohnte danach wieder bei meinen Eltern, bis ich meine jetzige Frau kennenlernte. Wir heirateten vor sieben Jahren und ich war mir sicher, es war Liebe. Es war eine schöne Zeit, wir bauten ein Haus, hatten gemeinsame Bekannte, unser Sohn wurde geboren. Alles lief ohne große Probleme, man würde sagen eine tolle "Musterfamilie". Aber es holte mich ein.


Wir waren zusammen im Urlaub, hatten einen schönen Sommertag erlebt, unser Sohn schlief schon und wir saßen noch bequem in unseren Liegestühlen. Ich fühlte ein Unbehagen, als wenn etwas bedrohliches geschehen würde. Ich konnte nicht mehr richtig Denken, alles war plötzlich weg. "Du, ich bin schwul". Ich hatte es einfach so gesagt.
Es war die eisigste Kälte und Stille, die ich jemals erlebt hatte. Wir gingen zu Bett ohne ein Wort noch zu sagen.


Vier Wörter gegen fünf Jahre, dachte ich.
Vier Wörter und alles aus und vorbei.
Vier Wörter gegen drei Menschen.
Vier Wörten UND drei Menschen.

Wir verbrachten den schönsten Urlaub seit langen. Ich erzählte ihr alles aber auch wirklich alles. Keine Lüge mehr, kein Selbstbetrug, nur noch die Wahrheit. 20 Jahre Schweigen waren zu Ende. Sie hörte einfach nur zu. Irgendwann sagte sie dann, Ich liebe dich so wie du bist.


Heute sage ich dazu, die letzten zwei Jahre habe ich etwas von meinem eigenen Leben zurückbekommen. Wir gehen sehr offen mit meinem schwulsein um. Ohne wenn und aber, ohne Geheimnisse und verstecken. Natürlich gibt es bei mir eine Sehnsucht und es schmerzt manchmal.
Aber ich glaube, das ich für mich den richtigen Weg gefunden habe.
Das einmal kurz zu meinem Lebensverlauf. Ich habe mich einfach auf das wesentliche konzentriert, obwohl das Leben manchmal Bände spricht. Vielleicht habe ich einigen Mut gemacht, sich selber etwas einzugestehen. Sich selber zu sagen, ja ich bin schwul.


Wäre schön von den einen oder anderen mal etwas zu hören.
Michael