Selbsthilfegruppe

Schwule Väter und Ehemänner

Outing nach 14 Ehe-Jahren

Jörg (39) ist Bürokaufmann. Er ha eine Tochter, Nina (16)

Meine Exfrau Sandra kenne ich seit Kindertagen, wir gingen in die gleiche Klasse. Mit 19 haben wir uns verlobt und mit 20 geheiratet. Das war in Ostdeutschland nicht so ungewöhnlich. Wir wollten beide zu Hause raus und endlich ein anderes Leben führen als unsere Eltern. Wir waren richtig verliebt, haben gemeinsam den Sex entdeckt, und wir haben uns sehr gut verstanden. Rückblickend würde ich sagen, wir waren so etwas wie eine Kampfgemeinschaft für viele Jahre.

 

Als ich mich bei Sandra nach 14 Ehejahren als schwul geoutet habe, hatte ich noch keinen Kontakt zu einem Mann – aber ich wusste genau, wo mein Weg hingeht und wollte dann auch gleich einen klaren Schnitt haben.

 

Ich war bis dahin immer der Liebe und Brave gewesen. Ich habe nicht geraucht, nicht getrunken. Ich wurde von allen gemocht. Ich habe meine Familie geliebt. Es gab nie einen Zweifel an meiner Zuverlässigkeit. Die Verpflichtung Sandra und meinem Kind gegenüber war selbstverständlich für mich. Nach Dienstschluss war ich spätestens nach zehn Minuten immer daheim.

 

Dann beschlossen wir, nach Hamburg zu ziehen. Ich ging vorweg, um Wohnung und Arbeit zu suchen. Das war das erste Mal, dass ich richtig Zeit für mich hatte. Die Straßen der Großstadt waren ganz neue Eindrücke für mich. Da merkte ich: Ich lebe das falsche Leben. Ich ging in ein Sexkino für Schwule, ich wollte wissen, was das ist – und wusste plötzlich über mich Bescheid.

 

Als meine Familie nach Hamburg kam, habe ich es Sandra sofort gesagt. Für sie brach eine Welt zusammen. Sie hat sich erst mal hingesetzt, eine Flasche Wein reingeschüttet, und geraucht. Sie weigerte sich, mit mir zu sprechen. Es war eine harte Zeit. An manchen Tagen sind wir in der Wohnug wortlos aneinander vorbei gelaufen. Dann kamen Vorwürfe: Du hast mein Leben zerstört. Dann gab es Tage, an denen wir wieder die Nähe zueinander gesucht und uns umarmt haben. Manchmal gingen wir händchenhaltend durch die Stadt. Und dann haben wir uns wieder angeschrien.

 

Nina war damals elf und hat alles mitgekriegt. Das ich schwul bin, war für sie nicht das Thema. Das Schlimmste für sie war, daß sich ihre Eltern bekriegen. Solche Szenen hatte sie vorher noch nie erlebt.

 

 Nina besucht mich jetzt einmal im Monat und in den Ferien. Sandra hat einen neuen Partner, der Haß ist weg. Sie ist immer noch ganz wichtig für mich. Sie wird nie aus meinem Leben verschwinden, das weiß sie auch. Genauso wie meine Tochter.

 

 

„Eine E-Mail hat mich verraten“

Bernd (47) ist Angestellter und alleinerziehender Vater von Miriam (9), Iris (12) und Clemens (14)

Birgit habe ich aus Liebe geheiratet, wir waren viele Jahre glücklich. Ich hatte auch vor der Ehe  immer Freundinnen. Ich schwul? Das kam mir gar nicht in den Sinn! Wir waren eine ganz normale heile Familie.

Bis ich vor sieben Jahren diesen Mann getroffen habe. Es war ein einmaliger Kontakt. Aber da ist der Knoten geplatzt. Und plötzlich ist alles über mir zusammengebrochen, ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Das war so heftig. Was würde passieren, wenn ich es sage, wenn es rauskommt?

Birgit hat es später selbst rausgefunden, durch eine E-Mail. Sie war völlig fertig, wütend. Es war für uns beide schlimm, keiner wusste so recht, wie es weitergehen sollte. Es gab viel Streit und Stress. Aber wir haben die Kinder aus allem rausgehalten. Die waren – und sind – für uns beide das Wichtigste. Ein paar Jahre haben wir sogar noch zusammengelebt, dann ging es nicht mehr. Ich habe mir eine Wohnung gesucht und bin ausgezogen.

Es war Birgits Wunsch, den Kindern nicht zu sagen, warum ich gehe. Damit war ich nicht glücklich, aber ich habe es hingenommen. Und dann hat sie es in einem Wutanfall plötzlich den Mädchen gesagt. Obwohl wir vereinbart hatten, es ihnen irgendwann gemeinsam zu erzählen. Ich habe dann mit unserem Sohn gesprochen. Alle drei wollten gar nicht viel darüber wissen.

Vor zwei Jahren hat Birgit einen neuen Partner gefunden. Wir haben uns scheiden lassen, nach 13 Jahren. Die Kinder wollten bei mir bleiben, das Sorgerecht teilen wir uns. Jetzt habe ich dreimal die Woche eine Haushaltshilfe. Und meine Schwiegereltern, die in der Nähe wohnen, helfen mit. Zu denen habe ich ein gutes Verhältnis.

Ich lebe jetzt als Single, aber ich bin glücklich. Endlich ist der Druck weg. Mit Birgit verstehe ich mich inzwischen gut. Aber das hat gedauert. Sollte ich mal jemanden kennenlernen: Die Kinder werden immer an erster Stelle stehen.

 

„Wir feierten noch Silberhochzeit“

Manfred (61) ist Schriftsetzermeister. Ein Sohn: Andreas (25)

Schon vor der Ehe wusste ich, dass ich auch Männer mag. Ich war bisexuell und habe auch kein Geheimnis daraus gemacht. Als meine künftige Frau und ich das erste Mal miteinander schlafen wollten, sagte ich: „Ich weiß nicht, ob das klappt. Ich hatte in letzter Zeit mehr mit Männern zu tun“. Danach lachte sie: „Also verlernt hast du es nicht“. So fing es an mit uns.

Schwul sein war nicht mein Lebensmittelpunkt. Das andere war ebenso schön. Ich hatte ein tolles Verhältnis mit Anne. An meinem 30. Geburtstag haben wir geheiratet, nach sieben Jahren kam Andreas, ein Wunschkind. Mir gefiel das Familienleben, mit Männern lief nichts.

Dann hatten wir einmal einen fürchterlichen Ehekrach, danach bin ich in eine Schwulen-Kneipe gegangen und habe dort jemanden kennen gelernt. Ich habe diese Geschichte wie ein Hobby gesehen, wie Skat oder Fußball. Mit Anne habe ich nicht darüber gesprochen. Ich war immer viel unterwegs. Überstunden, Elternrat ... anschließend traf ich mich mit Männern. Vielleicht hat sie sich ihre Gedanken gemacht? Ich weiß es nicht.

Dann kam es beim Urlaub in der Türkei zum Knall wegen einer ganz banalen Sache. Ich hatte einen Surfkurs begonnen und Anne stichelte, dafür sei ich ja wohl zu alt. Da war ich so sauer, dass ich vorzeitig abgereist bin. Ich hab’ gemerkt, dass nach 20 Jahren aus unserer Ehe die Luft raus war. Ich nahm mir eine eigene Wohnung. Von da an hab’ ich schwul gelebt, aber wir verstanden uns weiter gut und haben uns oft gesehen. Mein Sohn weiß bis heute nicht, dass ich Männer liebe. Glaube ich jedenfalls.

Nach vier Jahren sprach Anne von Scheidung. Wir nahmen uns einen Anwalt und haben kurz vor dem Scheidungstermin noch mit einem schicken Abendessen zu dritt unsere Silberhochzeit gefeiert. Ich haben Anne Ohrringe und eine Kette geschenkt.

Meine Familie war immer wichtig für mich, weil ich das als Kind nie erlebt habe. Ich leb’ jetzt allein, bin nicht auf der Suche nach einem Partner. Aber wenn es passieren sollte, wäre es schön. Und auch, wenn ich bald Opa würde.

 

Jeder fünfte Homosexuelle hat Kinder

 

Psychologe Marko Johannsen (29) hat seine Diplomarbeit über schwule Väter geschrieben:

 

Wie viele schwule Väter gibt es in Deutschland? „Nach einer Studie hat jeder fünfte homosexuelle Mann eigene Kinder. Das währen 400.000 für Deutschland. Es gibt ja auch schwule Väter durch Adoption, oder durch Kinderprojekte mit lesbischen Frauen.“

 

Gibt es eine Dunkelziffer? „Bei Älteren. Heute outen sich schwule Männer schneller, der Druck der Konventionen (,ich darf nicht schwul sein`) ist nicht mehr so groß. Die, die mit einer Frau eine Familie gegründet haben, gehören nicht mehr zur Nachkriegsgeneration. Ab den 70er Jahren wurde das weniger.“

 

Nach wie vielen Ehejahren findet meistens das Coming out statt? „Das dauert lange. Man unterscheidet zwischen innerem und äußerem Coming Out. Erst muss sich der Mann selbst darüber im Klaren sein: Wo geht es für mich hin? Wie ist meine sexuelle Präferenz? Bis dann die ersten sexuellen Kontakte stattfinden, kann es bis zu zehn Jahre dauern. Gemeinsame Kinder machen es nicht leichter. Dazu kommt, dass der Mann aufrichtige Gefühle für eine Frau hat, da ist nichts vorgespielt. Nur sexuelle Befriedigung findet er eben bei Männern.“

 

Aber die wahren Opfer sind doch die nichtsahnenden Partnerinnen? „Viele Frauen ahnen schon vor der Ehe was. Sie haben nur gehofft, attraktiv und stark genug zu sein, um ihn zu bekehren. Dann kommt Angst, auch Scham, so gedemütigt zu werden. Wut auf den Mann. Die Ohnmacht, nicht gegen einen anderen Mann konkurrieren zu können. Würde er sie wegen einer anderen Frau verlassen, könnten sie besser damit umgehen.“