Selbsthilfegruppe

Schwule Väter und Ehemänner

Mein Mann liebt einen Mann

Berliner Zeitung, 30./31.8.2003

Wie Frauen das Coming-out ihres Partners bewältigen

 

Was für eine Ehe führt der Professor, der seit Jahren wechselnd mit einer Frau in Bonn und mit seinem Freund in Berlin eine Wohnung teilt? Wie erträgt es die Redakteurin, dass ihr Lebensgefährte jede Woche 24 Stunden in die schwule Szene abtaucht? Was gibt einer dreifachen Mutter den Mut, nach dem homosexuellen Coming-out ihres Partners nochmals schwanger zu werden? Und trennte sich die Nachbarin deshalb von ihrem Mann, weil sie von dessen schwulen Doppelleben erfuhr?

 

Je nach Blickwinkel als spannend oder verworren etikettiert, sind unkonventionelle Verhältnisse fast immer ein Objekt der Neugier. Takt und Diskretion halten jedoch viele Menschen davon ab, mit Paaren über den Spagat zwischen Frau und Freund oder den Hintergrund ihrer Trennung zu reden. Selbst dann, wenn Paare ihre dauerhafte Dreiecksbeziehung nicht verhehlen, empfinden Nachbarn und Bekannte, aber auch Freunde und Verwandte es häufig fast als ungehörig, dass sie von den homosexuellen Kontakten des Mannes Kenntnis haben. Für den allenfalls flüchtigen Blick hinter die Familienkulisse wird meist als Grund angegeben, die Privatsphäre anderer nicht verletzten zu wollen. Aber sie liberale Einstellung „Jeder soll lieben, wen er will“ ist oft mit der Scheu verbunden, den Deckel über dem Geheimnis zu lüften.

 

Wie viele Frauen mit dem Verdacht leben, dass ihr Mann auch Männer liebt, oder das Coming-out ihres Partners bewältigen müssen, lässt sich nur schätzen. Erhebungen zufolge bevorzugen fünf bis zehn Prozent aller Männer sexuell ihr eigenes Geschlecht oder bezeichnen sich als bi. Experten glauben, dass jeder fünfte schwule Mann und jede dritte lesbische Frau Kinder hat und es in Deutschland mindestens eine Million homosexuelle Eltern gibt.

 

Nicht zuletzt die Anzahl der Beratungsangebote zeigt, dass der sexuelle Seitenwechsel so ungewöhnlich nicht ist. Immer mehr Homosexuelle befreien sich aus dem gesellschaftlichen Randdasein. Eine immer größere Anzahl von Familienvätern bekennt sich dazu, schwul zu sein. Doch ihre Partnerinnen kommen im öffentlichen Bewusstsein kaum vor. Während homosexuelle Männer im schwulen Netzwerk Unterstützung erhalten, fühlen Frauen sich nach dem Coming-out ihres Partners oft völlig isoliert. Scham und die irrtümliche Annahme, dass kaum jemand ihr Schicksal teil, sind Gründe, weshalb viele Frauen allein eine Situation bewältigen, die nicht nur den Verlust des Partners bedeutet, sondern meist auch die eigene Identität erschüttert und alles – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – in Frage stellt.

 

Viele Frauen, deren Partner sich Männern zuwendeten, berichten von einer Phase, in der sie sich von aller Welt verlassen und von ihrem Mann entwertet und ausgebootet fühlen. Dass die andere ein Mann ist, löst bei vielen Frauen besondere Verlustängste aus. Sie sind wehrlos, werden nie mit dem Rivalen konkurrieren können. Andere Frauen reagieren gelassener, als es bei einer Rivalin der Fall währe. Da sie mit einem Mann ohnehin nicht wetteifern können, wird ein homosexuelles Verhältnis nicht in dem Maße als Bedrohung empfunden. Während einige Berichten, dass sich ihre Fantasie gerade am Fremden entzündet, sagen andere, dass sie Sexualität zwischen Männern sich schonungsvoll ihrer Vorstellungskraft entzieht.

 

Der Modeschöpfer Wolfgang Joop beschreibt seine bisexuelle Lebensweise „als emotionale Potenz, auf die ich stolz bin“ und erläutert kick: „Rollenwechsel und Tabubruch finde ich erotisch. Natürlich habe ich den Helden gespeilt bei Frauen, obwohl es mich manchmal angestrengt hat. Ich finde es verlockend, auch mal eine andere Seite zu zeigen, die Seite des Opfers, den Helden zu spielen vor mir. Ich kann eine Frau auch ganz anders verführen als einen Mann.“

 

Keine Frage: Der Flirt mit der doppelten Lust gedeiht besonders im großstätisch künstlerischen Milieu. Immer fließender wird der Übergang zwischen den Geschlechtern. Nicht nur im androgynen Kleidungsstil, auch im Lebensentwurf weichen ehemals gültige Rollenmuster mehr und mehr auf. Der renommierte Sexualforscher Gunter Schmidt, Professor an der Universität Hamburg, stellte die These auf, dass die Heterosexualität ihre Vorreiterrolle verlieren und durch eine Vielzahl sexueller Orientierungen ersetzt werden wird.

 

Dennoch: Als lediglich eigenwillige Variante wird die gleichgeschlechtliche Liebe auch heute nich nicht angesehen. Obwohl Geschichte und Gegenwart nicht gerade arm sind an verheirateten Männern, deren schwule Beziehung bekannt wurde: Friedrich der Große, Baudelaire, Heinrich Heine, Tschaikowski, Marcel Proust, Gustaf Gründgens, James Dean, Horst Buchholz, Mich Jagger, David Bowie. Die Verbindung von Graf Eulenburg mit Wilhelm I. erschütterte das damalige Kaiserreich. William Sommerset Maughams Ehe wurde aufgrund seiner Homosexualität geschieden. Der Schauspieler Ernie Reinhardt – alias Lilo Wanders ausschließlich in Frauenkleinern auf der Bühne – lebt mit Frau, Freund und seinen Kindern zusammen. Colette, Greta Garbo, Käthe Kollwitz, Marlene Dietrich, Frieda Kahlo, Inge Meysel, Gianna Nannini gehören zu den Frauen, die außer Männern auch Frauen liebten. Auch heute jedoch kommt die Mitteilung, verheiratet und homosexuell zu sein, einem Bekenntnis gleich. Das Eingeständnis, dass der eigene Mann auch Männer liebt, die eigene Frau auch Frauen, bricht mit gesellschaftlichen Normen.

 

Die Dunkelziffer betroffener Paare ist hoch. Mehrere hunderttausend Frauen leben nach vorsichtiger Schätzung mit einem Mann zusammen, der sexuelle Kontakte zu Männern hat, manchmal sogar mit dem Wissen. Oft viele Jahre mitunter das ganze gemeinsame Lben, ohne dass die Ehefrau von der schwulen Veranlagung ihres Partners erfährt.

 

Es geschieht eher selten, dass Frauen wissentlich einen schwulen Partner wählen und heiraten. Frauen, die von vornherein die homosexuelle Veranlagung ihres Partners kennen, lassen sich häufig von der schmeichelnden Vorstellung leiten, die Ausnahmefrau zu sein. Die Illusion, dass sie ihren Mann bekehren und von seiner homosexuellen Veranlagung „heilen“ können, ermutigt Frauen, trotz der Vergangenheit ihres Partners die Ehe mit im einzugehen. Zumindest zu Beginn der Bekanntschaft erhöht die Mitteilung, dass ihr Geliebter über homosexuelle Erfahrungen verfügt, mitunter sogar das Interesse an ihm. Der Normbruch, der Reiz des Unbekannten und Unkonventionellen, wirkt besonders auf Frauen, die sich in einer traditionellen Partnerschaft eingeengt gefühlt haben und für sich Autonomie beanspruchen.

 

Aber nicht nur Vertrauen in die eigene Potenz und die Hoffnung, aus ihrem Partner die dauerhafte Hinwendung zum weiblichen Geschlecht „herausheben“ zu können, veranlasst Frauen, sich an einen schwulen Mann zu binden. Abgesehen von gesellschaftlichen Vorteilen (die sogenannte gute Partie) können auch geringstes Selbstvertrauen und Zweifel an der eigenen Identität Gründe sein, sich einen Partner auszusuchen, der zur gesellschaftlichen Minderheit gehört und ebenfalls Abschätzung zu spüren bekommt. Einigen Frauen passt ein untypischer Mann gut ins Lebenskonzept, da sie sich selbst als Außenseiterin empfinden. Auch die bedrückende Ehe der Eltern begünstigt die Wahl eines andern Beziehungsmodells.

 

Einige Frauen verbergen vor ihrem Partner ihre Mitwisserschaft. Aus Furcht, schlafende Hunde zu wecken, aus Angst, das Pendel durch Herbeireden zur andern Seite ausschlagen zu lassen, lassen sie sich auf ein Wagnis einer völlig ungeklärten Beziehung ein.

 

Andere Frauen sehen die ungewöhnliche Beziehungskonstellation als Herausforderung, enge Beziehungsansprüche zu überwinden. Doch Eifersucht und das Gefühl, aus einer fremden Welt ausgeschlossen zu sein, sind oft nicht mit Vernunft zu besiegen. Der gemeinsam geschaffene bürgerliche Rahmen beeinflusst mehr und mehr die Lebenseinstellung. In die wohlgeordneten Verhältnisse passen die schwulen Eskapaden des Ehemannes und Familienvaters nicht mehr hinein.

 

So sehr die Schilderungen meiner Gesprächspartnerinnen in vielen differieren, auffallend oft verlieben sie sich in Männer, deren Eigenschaften in unserer Gesellschaft als weiblich gelten. Fast übereinstimmend berichten Sie, dass ihr Mann „kein Macho“ ist, dass er fürsorglicher und weicher als andere Männer war, als sie ihn wählten. Seine Mithilfe im Haushalt, zumindest zu Beginn der Ehe, seine Kochkünste und sein überdurchschnittliches Engagement als Vater werden positiv hervorgehoben. Häufig drängten die Männer darauf, schnell eine Familie zu gründen. Die gängige Vorstellung, dass die Ehe für einen homosexuellen veranlagten Mann als gesellschaftliche Fassade oder nur als Zweckgemeinschaft fungiert, wird aus der Sicht von Frauen nicht bestätigt.

 

„Freunde könne die Trennung oft gar nicht fassen, weil gerade dieses Paar ein Traumpaar war“, korrigiert auch Charlotte Steffen-Pistor, Leiterin der Gesprächsgruppe Tangiert in Wuppertal, das Klischee eines eher geschwisterlichen Verhältnisses, in dem Leidenschaft ein Fremdwort bleibt. Vor elf Jahren wurde die Selbsthilfegruppe von den betroffenen Frauen ins Leben gerufen, um Erfahrungen auszutauschen und das Gefühl der Isolation zu überwinden. Insgesamt 200 Frauen aus ganz Deutschland kamen seither zu den vierteljährlichen Treffen in Wuppertal.

 

Das nach dem Coming-out des Partners das einstmals intakte Familienleben beschönigt wird, ist vielleicht nicht ganz von der Hand zu weisen. Doch selbst wenn sich im Rückblick manchen verklärt: Frauen schildern fast immer eine große Liebe, die nicht selten eine Jugendliebe war. Der Sexuelle Seitenwechsel, die allmählichen Veränderungen im Bett kränken Frauen umso mehr, weil ihr Partner ein guter Liebhaber war und treuer als andere Ehemänner schien.

 

Die Entdeckung, dass der Lebensgefährte oder Ehemann homosexuelle Neigungen hat, zieht sich meist über viele Jahre hin. Wie Umfragen zeigen, entspricht die Annahme, vom Partner nicht betrogen zu werden, auch in ausschließlich heterosexuellen Beziehungen nicht unbedingt der Realität. Während fest gebundene Männer und Frauen sich selbst durchaus heimliche Seitensprünge zubilligen, werden der Ehemann, die Ehefrau in unrealistischer Weise als treu und deren/dessen Leben oft als viel transparenter eingeschätzt, als es tatsächlich ist.

 

Dass der Mann, mit dem sie Kinder haben und ein Familienleben führen, auch Männer liebt und begehrt und in Klappen, Parks oder in der schwulen Szene mitunter Hunderte von Kontakten hat, ist jedoch für viele Frauen außerhalb des Denkbaren. Frauen sind sich so sicher, dass sie ihren Partner und dessen (hetero)sexuelle Neigungen kennen, dass sie gegenteilige Anzeichen entweder überhaupt nicht wahrnehmen oder ihre Bedeutung nicht erfassen.

 

Probleme zu verleugnen ist eine verbreitete Lebensbewältigungsstrategie, vor allem dann, wenn die Lösung des Problems die Handlungsmöglichkeit eines Menschen übersteigt. Das Gefühl, mit niemandem über Ungereimtheiten sprechen zu können, und die oft instinktive Erfassung weitreichender Konsequenzen bringt Frauen homosexueller Männer dazu, die Wahrheit zu beschönigen und der Gefahr erst einmal auszuweichen. Damit sie sich, die Kinder und ihren Partner schützen, verdrängen sie Fakten, deuten sie um und ziehen für das veränderte Verhalten ihres Partners alle möglichen Erklärungen heran: Überarbeitung, zeitliche und psychische Belastungen oder die in jeder Partnerschaft auftauchenden Verstimmungen und Differenzen werden als Gründe für die spürbare Distanz und die sexuelle Zurückhaltung ihres Mannes herangezogen. Manche Frauen packen ihr Leben so voll, dass sie unter der größer werdenden Kluft nicht leiden. Weil sie ständig beschäftigt sind, kommen sie nicht dazu, die Probe aufs Exempel zu wagen und dem veränderten Verhalten ihres Mannes auf den Grund zu gehen.

 

Die Phase des Beschwichtigens und Leugnens schildern in abgestufter Ausprägung fast alle Frauen. Erst im Nachhinein fällt es ihnen wie Schuppen aus den Augen. Bestürzt müssen sie erkenne, wie blind sie waren oder wie leichtgläubig sie den Ausreden und Lügen ihres Mannes immer wieder Glauben schenkten. Doch auch wen der Zufall die Frauen auf die Fährte führt oder der Mann seine „Doppelnatur“ preisgibt, neigen manche Frauen dazu, die Verleugnung auf einer anderen Stufe fortzusetzen. Sie wissen zwar von der homosexuellen Neigung ihres Partners, gehen konkreten Verdachtsmomenten jedoch nicht nach: Aus Angst, den Tatsachen in der Auseinandersetzung mit ihrem Partner nicht gewachsen zu sein und ihn womöglich durch Nachfragen in die Flucht zu schlagen, arrangieren sie sich mit der Situation, indem sie so gut es geht die Augen vor realen Gegebenheiten verschließen.

 

Schlingernd zwischen Wissen und Nichtwissenwollen, wählen viele Frauen den Mittelweg. Sie wollen Klarheit gewinnen und überprüfen verdächtige Anhaltspunkte. In realistischer Einschätzung dessen, was sie bewältigen können, und in der Hoffnung, eine für alle akzeptable Konfliktlösung zu finden, lassen sie die Wahrheit jedoch nur in verdaulicher Dosis an sich heran. Andere Frauen sammeln jede Information. Um den Partner zu überführen, schnüffeln sie ihm nach. Mit detektivischem Eifer entreißen sie ihm Stück für Stück sein Geheimnis. Jeder Beweis bedeutet einen Sieg. Dass sie ihn in die Enge treiben, gibt ihnen das Gefühl, nicht völlig ohnmächtig einer Lebenswende ausgeliefert zu sein, auf die sie keinen Einfluss haben. Die Kränkung, hintergangen und ausgetrickst worden zu sein, zahlen sie mit gleicher Münze heim. Und zahlen damit nochmals einen Preis. Weil sie den Vertrauensbruch aufdecken wollen, greifen sie selbst zur List und werden oft in selbstquälerischer Weise in den Morast aus Lügen und Leugnen hineingezogen.

 

Manche Frauen erfahren erst durch die Aids-Erkrankung oder nach seinem Tod von dem Doppelleben ihres Partners. Sie müssen damit fertig werden, dass ihr Partner seine Lebenslüge zu ihrer machte und ihnen keine Chance gab, eine eigene Wahl zu treffen.

 

Die erschreckende Erkenntnis, mit einem Menschen zusammengelebt zu haben, dessen Persönlichkeit plötzlich fremd und im anderen Licht erscheint, stellt auch die Vergangenheit und schlimmstenfalls sogar den Sinn des Lebens in Frage. Was war Echt? Was beruhte auf Täuschung und Selbsttäuschung? Verunsichert, ob sie ihrer eigenen Wahrnehmung trauen können, bewerten Frauen frühere Begebenheiten neu und durchleuchten sie unter dem Blickwinkel übersehener Homosexualität. Auch für Konflikte, deren Ursache ganz woanders liegt, scheint es plötzlich eine Erklärung zu geben.

 

Verstrickt in die Unklarheit ihres Lebensgefährten, verlieren sie den eigenen Kompass. In auffallender Weise durchzieht die Unsicherheit, ob etwas noch oder nicht mehr gültig ist, die Berichte von Frauen homosexueller Männer

 

Je nachdem, ob der Partner sich ihnen zuwendet oder nicht, wechseln Frauen zwischen der Hoffnung, dass sie zu dritt eine Lösung finden werden, und dem Gefühl, abgestellt und nur noch eine Altlast zu sein. Das depressive Gefühl, auf ganzer Linie im Stich gelassen zu werden, ist umso stärker, je mehr der Partner Träger eigener Zukunftshoffnungen war. An diesem Punkt verlassen einige Frauen die Ehe.

 

Andere bleiben: aus Gewohnheit, aus Angst vor dem Alleinsein, aus materieller Abhängigkeit, der Kinder wegen, weil sich eine Trennung nicht mehr lohnt, um einen Lebensrahmen zu erhalten. Sie bleiben aus Hoffnung, dass sich die Homosexualität auswächst oder im Alter legt. Oder sie bleiben, weil ihre Liebe auch diese Last erträgt.